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Vom Blackoutwinter zu den Herausforderungen der Energiewende für die Netze

15.05.2019

Jahrestagung der EW Medien und Kongresse GmbH – BSKI und das Institut für Wirtschafts- und Sicherheitsstudien FIRMITAS als Partner und Sponsor

Es gibt in Deutschland wenige Wetterkatastrophen, die den Menschen im Gedächtnis bleiben. Der Katastrophenwinter 1978/1979 war eine solche Katastrophe. Der Norden Deutschlands und der Osten versanken im Schnee, den Osten traf es schlimmer. Auch, weil seine Stromerzeugung wesentlich auf der Braunkohle beruhte, die einen hohen Wasseranteil hat, der in den kalten Tagen gefror. Die Logistik der Tagebaue brach völlig zusammen. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtete seinerzeit in seiner Ausgabe vom 8. Januar 1979:

„Schon kurz nachdem zu Silvester 1978 die Temperaturen auf minus 27 Grad absanken und stundenlang Schneefälle die Straßen vor allem in den Bezirken nördlich der Hauptstadt Berlin unpassierbar machten, ging in weiten DDR-Landstrichen das Licht aus.

Hunderte mit Braunkohle beladene Güterzüge blieben auf den Wegen vom Tagebau der Bezirke Cottbus und Dresden zu den Kraftwerken im Schnee stecken. Und bald ging auch in den Kohlegruben der Ober- und Niederlausitz nichts mehr. Im Nu waren die knappen Rohstoff-Reserven der Energie-Erzeuger aufgebraucht. Etwa fünf Stunden bevor das Planjahr 1978 ausklang, verabschiedete sich auch die Stromversorgung. (…)

Bei den wenigen Zügen, die in der kritischen Phase die Kraftwerke doch noch erreichten, war die Kohle an den Waggonwänden festgefroren. Sie musste teils mit Presslufthämmern herausgebrochen, teils mit Heißdampf herausgelöst oder gar mit Triebwerken russischer MiG-Düsenjäger herausgepresst werden.“

Mit der Erinnerung an diesen „Blackoutwinter“ begann die diesjährige Blackout Fachtagung der EW Medien und Kongresse GmbH am 8. und 9. Mai in Mannheim. Mit dem Blick in die jüngere Geschichte leitete Axel-Rainer Porsch, Obmann des TEAG-AK Stromgeschichte Thüringens und Berichterstatter im MDR, Erfurt, in das Thema ein. „Blackout: Netzprobleme – Auswirkungen und Lösungen – Herausforderungen für den Netzbetrieb“ war der Titel der Veranstaltung. Partner und Sponsor waren unter anderem der BSKI e. V. und das Institut für Wirtschafts- und Sicherheitsstudien FIRMITAS (Witten). Die Teilnehmerzahl mit über 60 Interessierten aus Stadtbetrieben, Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen, machte deutlich, dass die Aktualität des Themas in Fachkreisen längst angekommen ist.  

Wie schon in den vergangenen Jahren stand die Tagung unter der sehr guten und fachlich kompetenten Moderation von Hartwig Roth von den EW Medien. Die ausgewählten namhaften Referenten waren Experten auf Ihrem Fachgebiet. Sie machten auf die, mit den Prozess der Energiewende in Deutschland verbundenen Gefahren eines langanhaltenden Stromausfalles, dem möglichen systembedingten Ausfall der Infrastrukturen als Kollaps der Netze und einem Systemversagen von mangelnden Präventionsmaßnahmen zur Vorbeugung und Abwehr von Blackout-Gefahren aufmerksam.

So zeigte Dr. Christoph Schneiders von der Systemführung Netze als Leiter der Hauptschaltung bei der Amprion GmbH in Pulheim-Brauweiler die Maßnahmen zur Vermeidung kritischer Netzsituationen im Übertragungsnetz auf. Er widmete sich ausführlich den erneuerbaren Energien und deren theoretische Lieferkapazitäten (installierte Erzeugungskapazitäten). Gleichzeitig wies er auf die an einzelnen Tagen im Jahr nur tatsächlichen geringen Energieeinspeisungsmengen hin, die oftmals unter einem Prozent der Installationsleistung liegen könnten und damit keine ausreichende „24/7-Versorgungssicherheit“ für etwa 30 bis 35 Gigawatt an jedem Tag im Jahr und zu jeder Stunde oder Minute gewährleisteten.

Mit der geplanten Abschaltung der AKW-Kraftwerke, den Beschlüssen der Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ der Bundesregierung zum Ausstieg aus der Verstromung von Braunkohle und nicht zuletzt den Forderungen junger Menschen, wie sie sich zum Beispiel bei „Fridays for Future“ artikulieren, werde es zunehmend schwieriger werden, die Netze über 24 Stunden permanent stabil zu halten und dabei zugleich auch noch kosten- und preisbewusst den deutschen Haushalten und Unternehmen die benötigte und nachgefragte Energie jederzeit zur Verfügung zu stellen. Kurzum: eine „Blackout-Gefahr“ werde wahrscheinlicher und könne in naher Zukunft bittere Realität werden.

Dr. Hans-Walter Borries ging als Vorstandsmitglied vom Bundesverband für den Schutz Kritischer Infrastruktur (BSKI) e.V. auf die Gefahren eines Stromausfalles und mögliche Blackout-Gefahren und Präventionsmaßnahmen seitens öffentlicher Krisenstäbe und Notfallstäbe von Unternehmen ein. Im zweiten Vortrag des Tages trug er die Situation der Wasserver- und -entsorgung bei Stromausfalllagen vor und vertiefte die Frage nach einer sicheren Gasversorgung in einer Gasmangellage in einem langanhalten kalten Winter und bei Stromausfall. Die Wechselwirkung der „KRITIS-Sektoren“ untereinander, so seine Vortragsintention, sollte in Zukunft allumfassend untersucht und über Pilotprojekte eine rasche Praxisanwendung finden. Hierfür setzt sich der BSKI, unter anderem auch in der Planung des Forschungsvorhaben „ARCANUS-Projekt“ mit der notwendigen Frage nach einer „KRITIS-Landkarte“ und „KRITIS-App“.

„Die Fachtagung war insgesamt mit den weiteren Vorträgen ein gelungener Beitrag, um ein Stück mehr zu einer gesteigerten und auf Fakten beruhende Sachlichkeit zu dem Thema Energieversorgung mit ersten Lösungsansätzen beizutragen“, bilanziert Borris. Es müsse mehr solcher Fachtagungen im ganzen Bundesgebiet geben, fanden viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Und sie mahnten ein größeres Interesse und Engagement der Politik aus Bund, Ländern und Kommunen an. Die Debatte um die Energiewende dürfe weniger von „Bauchgefühlen“ zu einer Schicksalswende stilisiert werden. Vielmehr müsse sie von mehr Fachkompetenz auf Basis von Naturgesetzen und Fakten der Energiesicherheitsthematik geprägt werden, um so auch der Standortfrage von Unternehmen und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie der Blackout-Sicherheit in Deutschland als wichtiges Industrieland gerecht zu werden.

Weitere Informationen:

www.ew-online.de

www.spiegel.de